Ich bin euch ja noch die Geschichte von meiner Hebamme schuldig – eine von vielen, die erzählt, warum der Hebammenmangel in Hamburg und dem Rest des Landes echt ein Problem ist.

Auf der Suche nach einer Hebamme

Hält man einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand (am besten noch zum ersten Mal im Leben und nicht geplant), denkt man eine ganze Menge. Nur nicht unbedingt, dass man JETZT SOFORT alle Hebammen im Umkreis von 15km abtelefonieren muss. Aber genau das sollte der allererste Gedanke sein!

Sich sammeln? Zum Doc gehen? Gar dem Partner Bescheid sagen? Kannste machen, aber vor dem Vater des Kindes oder einem Arzt: Ruf jede Hebamme an, die auch nur ansatzweise in deiner Nähe arbeitet!

Als ich meinen kleinen, feinen Telefon-Marathon begann (ich HASSE telefonieren), war ich in der sechsten Woche und ca. 29x bekam ich als Antwort: “Sorry, da bin ich schon voll” – oder gar keine. Hallo?! Wann suchen die Leute ihrer Hebamme? Direkt nach “dem Akt”, während sie noch im Bett liegen?

Ich hatte Glück: Der 30. Anruf war erfolgreich. Die Hebamme am anderen Ende der Leitung, nennen wir sie Nanni, hatte Erbarmen. Sie machte mir aber auch direkt klar, dass das Baby besser nicht vor’m ET kommen sollte – da wäre sie nämlich noch im Urlaub. Pokern konnte ich schon immer gut …

Hebamme = Kassenleistung

Hebammen sind eine Kassenleistung. Die Techniker Krankenkasse schreibt dazu:

Bis zehn Tage nach der Geburt haben Mütter Anspruch auf mindestens einen täglichen Besuch durch die Hebamme. Ab dem elften Tag bis acht Wochen nach der Geburt können bei auftretenden Fragen und Schwierigkeiten wie verzögerter Nabelheilung oder Stillproblemen noch 16 weitere Besuche der Hebamme erfolgen.

Außerdem ist die Hebamme bis zum Ende der Stillzeit telefonisch erreichbar. Aus diesem Grund sind nämlich Laktations- und Stillberaterinnen KEINE Kassenleistung. Soweit die Theorie.

Meine Hebamme Nanni

Die Hebamme, Nanni, besuchte mich zum ersten Mal in der 14. SSW. Zum Glück war sie mir ganz sympathisch, denn eine Wahl hätte ich ja eh nicht gehabt.

Und damit hätten wir den Salat: Denn wenn man keine Wahl hat, lautet das Motto “Friss oder stirb!” Gut, sterben wird man ohne Hebamme nicht unbedingt, aber so ganz ohne Familie oder babyerfahrene Freunde in der Nähe ist die erste Zeit als Eltern schon hart.

Und was passiert, wenn es keine Wahl gibt? Genau: Wir wären nicht Mensch, wenn nicht irgendjemand auf Anstand und Moral kackt und sich so einen Mangel zunutze macht.

Nanni war so jemand mit flexibler Moral. Schon im ersten Gespräch (das einzige vor der Geburt) wies sie mich darauf hin, dass sie später dann 100 Euro für ihr Dienste wollte. Wofür genau weiß ich nicht, denn wie gesagt: Hebammen sind Kassenleistung. Aber wat solls, dachte ich: Shut up, take my money – und mach, dass das mit mir und dem Baby klappt !

Versteht mich nicht falsch, an sich war sie echt nett. Noch am Tag der Entlassung kam sie zu uns und überhäufte mich mit einer grooooßen Portion Mut und Ruhe. Das tat so gut. Auch die nächsten Tage kam sie täglich, wog das Baby, schaute den Nabel an und tastete meinen Bauch ab. In diesen ersten Tagen war ich SO, so dankbar, jemanden um Rat fragen zu können, mich beruhigen zu lassen und Tipps für den Baby-Alltag zu bekommen. Als sie dann zum ersten Mal mit uns das Baby badete, das war schon ein Highlight.

Nach diesen zehn Tagen kam sie noch ein paar Mal – bis zur sechsten Woche des Babys. Seither ward die Gute nicht mehr gesehen. Keine Antwort auf SMS, kein Rückruf. Ich hab sogar gegoogelt, ob es Fahrradunfälle in Hamburg gab oder eine Todesanzeige auf der Website ihrer Hebammenpraxis, aber nichts (zum Glück).

Meine Hebamme hat mich verlassen. Sie hat die 100 Euro einkassiert, noch einen Gewissensbesuch gemacht und sich dann aus dem Staub gemacht.

Vielleicht hätte ich ihr Gaunerblut ahnen können, denn ich war jedes Mal verwundert, dass sie sich für 20 Minuten Besuch bei mir stets eine Stunde aufschrieb (nur in den ersten zwei Tagen war sie wirklich so lange da). “Na ja jut. Vielleicht die Fahrtzeit mit eingerechnet,” dachte ich. Fragen kann ich Nanni leider nicht – seit Mitte Dezember habe ich sie nie wieder erreicht.

Holy Hebamme

Mein Glaube an die Menschheit ist zutiefst erschüttert. Hebamme ist doch ein geradezu heiliger Beruf! Es gibt kaum einen Job, der einen weiter in die Intimsphäre der Leute eintauchen lässt, in dem das Gegenüber so verletzlich und unsicher ist. Und dann kommt einfach jemand daher und tritt diese Heiligkeit volle Möhre in die Eier.

Solche Storys habe ich mittlerweile schon öfter gehört und niemand konnte sich so richtig wehren. Denn in so einer Lebensphase nimmt man jeden Funken Hilfe dankend an und sagt dafür zu ALLEM Ja und Amen.

Wie waren denn eure Erfahrungen mit Hebammen? Hattet ihr Glück und jemand Tolles erwischt? Oder auch so eine kleine Gaunerin?

Keine Hebamme?

Da ich trotz ihrer Gaunerigkeit sehr froh über Nannis Besuche war, noch ein kleiner Tipp für alle, die keine Hebamme gefunden haben: In jeder größeren Stadt gibt es Alternativangebote!

In Hamburg ist das zum Beispiel die Mütterberatung in diversen Stadtteilen, wo man nicht nur andere Mütter treffen kann, sondern auch eine Kinderkrankenschwester vor Ort ist, die bei Fragen rund ums Baby oder bei Stillproblemen helfen kann. Schreibt gern in die Kommentare, wo es solche Angebote im anderen Städten gibt!

Kommentare

  1. Ohje, so gar nicht mehr melden ist schon krass! Also bei mir war alles wunderbar, bis die vereinbarten Termine zu Ende waren. Da hieß es zwar noch, das ich mich jederzeit an sie wenden kann und sie auch gerne nochmal vorbeikommt. Doch auf meine Nachrichten erhielt ich mal keine Antwort, dann wieder doch und das aber nicht wirklich hilfreich. Ich denke das hier aber zum einen der Hebammenmangel, andererseits aber auch die momentan steigende Geburtenrate ihren Teil dazu beiträgt.
    Soweit ich weiß gibt es die Mütterberatung in jeder Stadt, früher (also das hat meine Oma erzählt) musste man da sogar wöchentlich vorstellig werden 😉
    Liebe Grüße,
    Marina

  2. Wir hatten großes Glück mit unserer Hebamme. Sie hat uns vor, während und nach der Geburt wunderbar begleitet und ich bin ihr bis heute unendlich dankbar. Leider hat sie kurz nach der Geburt unseres Sohnes ihren Beruf als Hebamme aufgegeben, weil sie davon nicht mehr leben konnte.
    Trotz unserer Hebamme habe ich einige Male das Stillcafe besucht und habe das auch als sehr hilfreich empfunden – sowohl in Bezug auf Fragen zum Stillen als auch bei anderen „Babyfragen“. Das Café war an die Klinik angebunden, in der ich entbunden habe, stand aber auch anderen Frauen offen. Meines Wissens gibt es solche Angebote auch in vielen Städten, aber natürlich wird eine Hebamme dadurch nicht ansatzweise ersetzt…

  3. Hallo Nora, das hört sich ja tatsächlich sehr abenteuerlich an. Mit meiner Hebamme hatte ich wirklich Glück. Sie kam zu den vereinbarten Termin und war zuverlässig. Sie hat keine extra Gebühren verlangt und sich auch nach der Zeit um mich gekümmert. Ich kann sie immer noch jederzeit kontaktieren und ich bin mir sicher, dass ich von ihr eine Antwort erhalte. Dabei ist die Geburt jetzt schon genau 8 Monate her.
    Ich denke, dass Hebammen wichtig sind und dass es zu einer Verkettung von verschiedenen Ursachen zu diesem Mangel kommt. Einmal sind es die gestiegenen Versicherungskosten, dann auch noch die steigende Geburtenrate und die schlechten Arbeitsbedingungen, dass viele den Beruf nicht erlernen möchten. Dennoch finde ich, dass es kein Grund ist die Leute abzuzocken.
    Es gibt diese Angebote der Mütterberatung und ich denke, dass diese auch sehr gut sind. Auch wie meine Vorrednerin bin ich der Meinung, dass dieses Angebot eine Hebamme nicht ersetzt.
    Liebe Grüße

  4. Habe soeben deine Blog entdeckt. Ich schreibe sonst keine Kommentare o.ä. nur wirklich, wirklich selten. Aber deine Geschichte finde ich wirklich sehr sehr traurig. Es ist zutiefst gemein, jemanden in deiner Situatinon oder egal welche frisch gebacke Mami einfach so im Stich zu lassen. Weil man so viele Fragen und Ängste hat. Die sind nach 10 Tagen, 6 Wochen o.Ä nicht einfach vorbei. Und dann noch 100 Euro einkassieren, für nichts? Was soll das denn bitte?

    Ich hatte zum Glück eine super liebe Hebamme. Sie hat mich vor der Geburt regelmäßig begleitet und auch danach. Liebe Dank dafür nochmal an dich, Andrea! Sie hat mich bei allem ermutigt mir nie vorwürfe oder ein schlechtes Gefühl gegeben egal welche Entscheidungen wir trafen oder treffen wollten. Sie hat uns bei allem Unterstützung gegeben. Und so sollte es auch sein. Selbst nach einem halben Jahr regelmäßiger Besuche, stand sie mir telefonisch mit Rat und Tat zur Seite. Ich kann mich da nicht beschweren. Ich habe allerdings auch die anderen Storys im Bekanntenkreis gehört und bin froh, dass es mir nicht so ging.

    Vielleicht ist das auch ein noch größeres Problem in Ballungsgebieten, Großstädten etc. Wie wohnen hier im ländlichen Raum. Es verteilt sich vielleicht mehr. Ich hoffe, dass nicht all zu viele so eine Geschichte wie du erleben müsse .

    Im Raum Kiel und Umgebung gibt es auch solche Zentren, Mütterberatungen und in Preetz auch mehrere Hebammen, die sich für solche Notfälle zusammen geschlossen haben und eine Art Sprechstunde bereithalten. Ich finde es gut, dass es solche Möglichkeiten gibt, auch wenn Sie eine wirklich gute Hebamme, die dich und das Baby kennt, nicht komplett ersetzen können.

    Liebste Grüße
    K. 🙂

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