Da war das Baby plötzlich zehn Wochen alt und noch immer nicht zu Besuch in Berlin! Das musste dringend geändert werden: Oma, Opa, Uromas und ihre zukünftige beste Freundin (nicht alles im Leben kann man sich aussuchen) warteten auf sie. Also ab nach Berlin! Da ich a) alleine fahren würde, b) überzeugter Autofahr-Schisser bin und c) das Baby noch nicht Fahrrad fahren kann, kam nur eins in Frage: Zug fahren mit Baby!

So eine Zugfahrt kann ja schon als Single zu einer Herausforderung werden: Zug kommt zu spät, Zug kommt zum falschen Gleis, Zug kommt gar nicht, Zug ist gnadenlos überfüllt, Zug geht auf halber Strecke kaputt, Heizung ist bei Minusgraden ausgefallen, die Sitznachbarn spielen Scheibe (oder essen kalte Eier – Leute, das riecht nach Pups, lasst das!), die Reservierungen sind spontan ungültig geworden … Alles schon erlebt und mindestens die Hälfte davon dürfte mit Baby an der Backe für ganz neue „Abenteuer“ sorgen …

Auf, auf nach Berlin!

Eines schönen Mittwochmittags war es soweit: Baby und ich schnappten Schuhe (ich) und Bommelmütze (Baby) und machten uns auf zum Hamburger Hauptbahnhof. In der Hoffnung, der Zug wäre nicht so voll, fuhren wir extra nicht zur Rushhour los. Wer, außer uns, hat schon einen Grund, Mittwochmittag von Hamburg nach Berlin zu fahren?! Erstaunlich viele, wie wir dann feststellten. Also … ICH stellte das fest. Baby schlief zu diesem Zeitpunkt selig.

Problem #1 – Die Tragefrage

Der Mensch hat ja bekanntlich nur zwei Arme und so ist die Tragefrage beim alleine Reisen mit Baby ziemlich wesentlich. Selbst wenn man nur ein Wochenende unterwegs ist, reicht ein kleiner Rucksack längst nicht mehr aus: Klamotten für mich selbst, doppelt so viele Outfits wie Tage fürs Baby (im worst case reizt es die Windel ja TÄGLICH aus), Cosy Me, Wickelzeug, Flaschenzeug (ich stille, aber stellt euch mal vor, der Zug bleibt stecken, vor Schreck geht mir die Milch aus und da sitze ich dann mit Baby … jaja, ich gehe da lieber auf Nummer sicher …), Spielzeug – einfach jede Menge Zeug muss mit und die Anzahl meiner Arme ist, wie gesagt, beschränkt. Zur Wahl standen also die Kombi A) Reiserucksack + Kinderwagen (+ Trage im Gepäck) und B) Rolli + Trage.

A) Rucksack + Kinderwagen

Pro: Das Baby kann zwischendurch abgelegt werden – und zwar nicht auf den ekligen Boden oder die speckigen Sitze. Man hat einen mobilen Wickelplatz dabei. Je nach Modell kann ein Teil des Gepäcks unten im Kinderwagen verstaut werden. Wenn man am Zielort spazieren gehen will, können auch andere mal schieben (Großeltern zum Beispiel).

Contra: Der Kinderwagen ist sperrig, sodass man beim Ein- und Aussteigen auf fremde Hilfe angewiesen ist (Berliner und Hamburger sind ja beide nicht gerade die Erfinder der Freundlichkeit). Man kommt damit schlecht durch die Gänge im Zug, sollte also direkt in den richtigen Wagen einsteigen. Wenn dann die Durchsage „Heute mit geänderter Wagenfolge!“ hat man den Salat …

B) Rolli + Trage

Pro: Das Baby (also meins jedenfalls) schläft in der Trage besser als im Kinderwagen. Man ist mobil und hat die Hände frei, ist nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Mit Baby in der Trage kann man nicht nur super durch die Gänge flitzen, sondern auch auf Klo gehen. Mit Kinderwagen geht beides nicht. Man kann noch einen normalen Rucksack bzw. Wickeltasche mitnehmen. Wenn ich Selbstgespräche führe, denken alle, ich rede mit dem Baby und nicht, ich sei verrückt.

Contra: Man hat nichts dabei, um das Baby mal abzulegen – der Boden ist bei genauerer Betrachtung nicht ganz so lecker und damit dann doch raus. Es müsste also die ganze Zeit auf dem Schoß sitzen, in der Trage sein oder auf dem Arm rumlungern.

Zug fahren mit Baby | norainhh.de

Wir sind einfach Kängurus und tragen lieber (bzw. lassen uns tragen). Mit dem Kinderwagen fahre ich ständig irgendwo gegen oder anderen über die Füße und fremde Leute um Hilfe bitten ist auch nicht gerade mein größtes Hobby. Allerdings dauert die Fahrt Hamburg – Berlin auch nur 1,5 Stunden. Bei längeren Reisen müsste ich noch mal in mich gehen, denn fünf Stunden tragen könnte für alle Beteiligten dann doch ganz schön anstrengend werden.

Problem #2 – Sitzplatzreservierung oder: Wo ist dieses Kleinkindabteil?

Normalerweise reserviere ich keine Plätze. Lieber sitze ich die 1,5 Stunden auf dem Gang als dass ich 4,50 Euro für einen Sitzplatz ausgebe. Pah!

Mit Baby wollte ich aber kein Risiko eingehen. Und es gibt ja dieses sagenumwobene Kleinkindabteil. Da wollte ich hin! Doch wie reserviert man das?! Ein kleiner „Trick“ ist nötig: Auch wenn das Baby keine Fahrkarte kaufen muss, kann man es bei der Buchung über die App oder im Internet als Mitreisenden angeben (0-5 Jahre). Dann werden einem später bei der Sitzplatzreservierung nämlich mehr Optionen angezeigt: neben den üblichen auch „Familienbereich“ und eben „Kleinkindabteil“. Nun können ein oder zwei Sitzplätze für je 4,50 Euro gebucht werden.

Natürlich bekam ich KEINEN Platz im Kleinkindabteil, sondern nur in einem normalen. Wir waren zu dritt und beide Mitfahrer zum Glück sehr chillig (außer dass die Eine ein EI gegessen hat… und eine Möhre… warum?!). Bei voll belegten Plätzen hätte ich vermutlich eine Krise gekriegt, denn um das Baby aus- und anzuziehen, um- und abzulegen, möglichst umständlich das Wickelzeug aus der Tasche zu ziehen, usw. ist es doch ganz schön eng. Ich bin aber auch einfach nicht der beste Körperteilkoordinator.

Mein Abteilgenosse erzählte später noch, dass die Plätze immer heiß begehrt sind. Unser nächster Berlintrip ist schon gebucht – Ende Februar kann ich dann live und in Farbe von der Kleinkindabteilfront berichten.

Problem #3 – Wickeln

Ein Argument pro Kinderwagen war, dass dieser auch gleichzeitig zum Wickeln dienen könnte. Das war aber gar kein Problem: Zwischen der 1. Klasse und dem Bordbistro gibt es ein Behinderten-WC inkl. Wickeltisch. Nicht sehr gemütlich, aber absolut ausreichend. Nur an eine Unterlage muss man denken.

Das Baby hatte einen Heidenspaß, beim Wickeln durch die Gegend geschaukelt zu werden. So viel gegluckst hat es dabei selten. 😀

Problem #4 – DIE ANDEREN

Ich mache mir leider immer viel zu viele Gedanken darüber, ob und womit ich DIE ANDEREN stören könnte. Eigentlich sollte ich einfach „Wen juckt’s“ denken – wer sich an Babygeschrei, stillenden Müttern oder Gepäckchaos stört, kann sich ja umsetzen.

Gebrüllt hat das Baby aber gar nicht – im Gegenteil! Am Ende wurde ich sogar gefragt, ob es immer so lieb sei. (Ja, ist sie.) Nachdem das Baby ausgeschlafen und die Mitreisenden ausgiebig beobachtet hatte, wurde ihr etwas langweilig. Da sind wir auf den Gang gegangen und haben aus dem Fenster geschaut. Ich hatte ja ein bisschen Angst, dass die schnell vorbeiziehenden Bäume ihr Gehirn außer Kraft setzen, aber sie scheint es ganz gut verkraftet zu haben.

Es hätte ziemlich sicher niemanden gestört, aber gestillt habe ich dann doch lieber in Ruhe auf dem Wickel-WC (im Kleinkindabteil hätte es mir vielleicht weniger ausgemacht). Bei meinem kleinen, feinen Gepäckchaos hat mir der nette Mitfahrer geholfen.

Fazit – Zug fahren mit Baby

Zug fahren mit Baby ist sooo entspannt! DIE ANDEREN inkl. Bahnmitarbeiter sind eher verzückt als genervt (immer wieder schön, wie schnell Anzugträger auf Babysprache umswitchen können) und bei einer so kurzen Strecke wie Hamburg – Berlin lässt sich ja selbst das wacheste Baby noch gut bespaßen. Es gibt Platz zum Wickeln, ein stilles Örtchen zum Stillen findet sich auch bzw. heißes Wasser fürs Fläschchen bekommt man sicher im Bordbistro und das Geruckel des Zugs ist fast genauso einschläfernd wie die Fön-App. Richtig spannend wird es wahrscheinlich dann in drei, vier Monaten, wenn einfach nur rumtragen nicht mehr ausreicht, sondern Action her muss.

Von den 10.000 Sorgen, die ich mir gemacht habe, hat sich genau eine als Problem(chen) erwiesen: Was tun, wenn man alleine mit Baby unterwegs ist und auf Klo muss? Und jetzt mal Butter bei die Fische – nehmt ihr eure Babys in der Trage einfach mit, wenn ihr mal eben ein kleines Geschäft erledigen müsst?

Kommentare

  1. Weißt du was? Little C ist schon 8 Monate alt und wir sind noch kein einziges Mal Bus oder Bahn gefahren! Aber deinen Beitrag finde ich trotzdem interessant, weil ich überlege, bald mal meine Freundin in HH zu besuchen und überlege, was besser ist. 4h (im Idealfall, ohne Stau) mit dem Auto oder 5-6h mit der Bahn (mindestens 1x umsteigen) mit dem Scheißerchen allein.
    Little C ist glücklicherweise ein super Autokind, hat schon 3 lange Strecken (~600-700km) und auch öfters Strecken bis ca 250km mitgemacht. Meistens waren wir aber zu zweit, das ist dann doch praktischer.
    Meine Erfahrung ist (jedenfalls so in der Stadt), dass die meisten Leute ziemlich freundlich sind, wenn man mit Kinderwagen unterwegs ist. Mir wird öfters angeboten, die Tür im Geschäft aufzuhalten. Und falls ich mal danach frage, entschuldigen sich die Menschen schon fast, dass sie nicht selbst mitgedacht haben.

    Liebe Grüße, Denise

  2. Top, das habt ihr gut gemeistert und ich bin auf die Fortsetzung in Sachen Kleinkindabteil gespannt Ich war in den ersten 10 Monaten gefühlt auch nur mit Trage unterwegs und das auch auf dem Klo! Ja, es geht einfach nicht anders, der Boden ist zu dreckig, fremde Menschen nicht vertrauenswürdig und alleine sitzen bleiben konnte das Kind ja auch nicht… Heute übrigens kann ich auf den Kinderwagen nicht mehr verzichten, ich weiß nicht wie ich früher all die Einkäufe nach Hause bekommen habe?…
    Liebe Grüße, Stephie

  3. Wenn ich allein unterwegs bin oder Mister Baby selig schläft, geh ich auch mit ihm auf die Toilette. Und es gibt kaum ein Geräusch, welches er lustiger findet, als plätschern in einer Keramikschüssel.

  4. aber natürlich sind die Mäuse im Tuch immer mit aufs Klo „gegangen“ :))))
    wunderbarer Artikel, danke schön!

  5. Prima gemacht – wir sind auch überzeugte Bahnfahrer. Bisheriger Höhepunkt: in rund 12 Stunden von Dresden nach Kufstein, mit drei mal umsteigen, Baby 5 Monate alt. Lief perfekt und mega entspannt, zumal zu dem Zeitpunkt jede Autofahrt von schreikonzerten begleitet war. Und ja, ich geh auch mit Baby in der Trage aufs Klo 😉

  6. Ja klar!!! Ich habe meine Jungs beide sehr viel getragen, auch zum Teil sehr lange am Stück. Das ging gar nicht anders, als mit ihnen auf die Toilette zu gehen. 😉
    Nur wenn das Baby wächst und die Beine länger werden, wird’s irgendwann schwierig sich so hinzusetzen, dass das Baby nicht aufwacht und man trotzdem Pipi machen kann…

  7. Hallo!
    Es klingt nach einem super ersten Trip! Ich bin mittlerweile schon mehrfach mit verschiedener Anzahl an Kindern im Zug unterwegs gewesen…meist so 6 Stunden Reisen. Ja, da muss das Tragebaby mit….lustig wird es erst bei sehr neugierigen Einjährigen, die zwar stehen können, aber auch aus oben genannten Gründen mit gehen zum Klo…..und sehr gerne alles ganz genau anschauen und vor allem anfassen wollen…..das ist die echte Challenge 😉
    Kleiner Tipp für weitere Reisen zu Oma und Opa: unsere haben vor Ort einen guten gebrauchten Buggi für uns, damit nur der Weg bis dahin ohne Gepäck- und Kinderwagen auskommen muss….ist evtl. mit steigendem Gewicht des kleinen Känguruhs relevant…
    Schöne Grüße, caro

  8. Haha, those were the days! Meine Kinder (naja, vor allem mein erstes) sind quasi im ICE aufgewachsen. Und zwar mit Kinderwagen! Wir hatten schon extra beim Kauf auf geachtet „ICE-Gangbreite“ geachtet, vor 10 Jahren war das der, der „Teu“ anfängt und mit „Fun“ aufhört. Der passt eingeklappt direkt neben die Zugtür (andere aber auch) und wurde auch nie geklaut oder so. Der Kinderwagen hilft dir beim Tragen des Extragepäcks (Windeln usw) und nie, nie, also wirklich nie, auch nicht am Dammtor, wo wenige ein und aussteigen, kam ich in die Situation, dass da keiner war, der mit anpackt. Im Gegenteil, alle drängen sich doch fast auf 😉 Stichwort Kinderabteil: Dort fuhren wir fast immer. Das Kinderabteil ist im ICE immer neben dem Speisewagen. Es wird immer nur mit der Hälfte der Reservierungen belegt. Der Rest ist nicht mehr reservierbar. Also im Prinzip frei. Da du in Hamburg wohnst, fährste nach Altona, wo der Zug leer startet und nimmst Platz. Viel Platz. Kinderwagen steht neben dir, Hände frei und wenn du auf Toilette gehst – direkt nebenan – kannst du dein Kind da reinlegen und klauen kann es auch keiner, weil der Zug ja fährt und keiner aussteigen kann. Und Mama kann ja seeeehr schnell auf Klo und wieder zurück sein 😉 Außerdem sind dann da ja andere Eltern und die passen auch mal auf. Wenn es dann doch keinen Platz im Kinderabteil gibt, gibt es im Großraum einen Einerplatz direkt neben der Tür. Da passt auch ein Wagen daneben. Oder ganz vorne, wo Rolliplätze sind mit sehr viel Freifläche. Die Plätze siehst du beim Reservieren, dort kannst du den ganzen Zug von oben sehen. Das (gabs am Anfang noch nicht und) hat die Platzstrategie sehr erleichtert in der Kinderwagenzeit. Und ich kann nur sagen: Ja, mit Baby wars noch entspannt! Auf ne Art natürlich auch nicht, aber ich war nie mehr so viel unterwegs wie zu der Zeit. Guuuute Fahrt! <3

  9. Ja! Wo die „leichte Hocke“ im Zug mit Schunkeln schon erschwerte Bedingungen sind… wir fahren Anfang März das erste Mal länger Zug mit dann 14 Wochen und werden den Kinderwagen nehmen – sind aber auch zu Dritt.

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